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Yin Yoga: Der Lungenmeridian und das „Ja“ zum Leben

Yin Yoga ist mit seiner entspannenden, regenerierenden Wirkung in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Wer hier tiefer einsteigen will, kommt nicht umhin, sich auch mit der Traditionellen Chinesischen Medizin und der Meridianlehre zu beschäftigen. Und das ist höchst spannend, denn mit den Meridianen hängen bestimmte Lebensthemen zusammen. Diese Themen können wir bearbeiten, wenn wir die entsprechenden Meridiane in den Yin Haltungen stimulieren.

Meridiane sind, vereinfacht gesagt, Energieleitbahnen, durch die unsere Lebensenergie fließt. In der TCM ist jeder Meridian einem Organsystem zugeordnet und versorgt das Gebiet, das er überzieht, und die entsprechenden Organe mit Energie. Dass diese Energie in den Meridianen frei und ausreichend fließen kann, ist wichtig für unsere Gesundheit und innere Balance.

So steht der Lungenmeridian für eine zuversichtliche, offene, positive Grundhaltung dem Leben gegenüber. Wenn das Lebensprinzip des Lungenmeridians gut entwickelt ist, fühlen wir uns mit dem Fluss des Lebens verbunden und sehen der Zukunft positiv entgegen. Das sorgt für Rückenwind und gute Laune. Dafür steht symbolisch der erhobene Daumen, an dem der Verlauf des Lungenmeridians über die Arminnenseite endet.

Wenn es hier eine Störung gibt, oder das Lebensprinzip des Lungenmeridians schwach entwickelt ist, sind wir dem Leben gegenüber eher pessimistisch eingestellt. Uns geht schnell die Luft aus, Kleinigkeiten rauben uns den Atem. Wir fühlen uns vielleicht auch dünnhäutig, reagieren übersensibel und nehmen vieles persönlich.

Die Haut gehört in der TCM zum Lungenfunktionskreis, auch sie atmet und bildet die Grenze unseres Körpers. Hier stellt sich die Frage, ob wir in der Lage sind, gesunde Grenzen zu setzen. Wer klare Grenzen setzen kann, fühlt sich wohl in seiner Haut. Wer zu anderen „Nein“ sagen kann, wenn es notwendig ist, sagt „Ja“ zu sich selbst. Indem wir unsere eigenen, sowie die Grenzen anderer, achten und respektieren, sind wir auch in der Lage, uns wirklich mit ihnen zu verbinden, und in einen bewussten, lebendigen Austausch zu gehen. Ein starker Lungenmeridian kommuniziert gern und ist gern im Kontakt mit anderen.

Gleichzeitig ist in der TCM die Trauer die Emotion, die den größten Einfluss auf die Lunge hat. Wenn das Lebensprinzip des Lungenmeridians gut entwickelt ist, können Menschen gut trauern, d.h. die vergangenen Ereignisse verarbeiten und loslassen. Wenn dies nicht der Fall ist, hält man gern an der Vergangenheit und den traurigen Erlebnissen fest. Hier kann Meditation hilfreich sein, um Vergangenes ruhen zu lassen und im gegenwärtigen Augenblick anzukommen. Oder noch besser: eine Yin Position, die den Lungenmeridian stimuliert (z.B. eine sanfte Rückbeuge über einem Bolster mit weit geöffneten Armen und nach oben gedrehten Handflächen) im Zusammenspiel mit einer sanften Atemmeditation.

Dabei kann es sein, dass sich erst einmal ein „Gefühlsstau“ entlädt, und ein paar Tränen fließen. Das ist aus meiner Erfahrung jedoch oft ein wichtiger Schritt in Richtung einer echten Herzöffnung, einer inneren Stille und Gegenwärtigkeit, und einem Gefühl von Verbundenheit mit dem Leben. Und das ist das letztendliche Ziel einer jeden Yogapraxis, egal ob Yin oder Hatha Yoga. Das Schöne ist: es gibt heute so viele yogische Wege dorthin zu gelangen, und wir können den wählen, der am besten zu uns passt.

Über die Autorin Ranja Weis:
Ranja gehört zu den besten Yogalehrerinnen in Deutschland. Gemeinsam mit Patrick Broome leitet sie zwei Yogastudios in München, wo sie Yin Yoga, Vinyasa und Yoga Nidra unterrichtet. Ihr spiritueller Weg ist geprägt durch Yoga und Meditation, sowie durch die Arbeit mit Schamanen. Daher sind Techniken wie Trancearbeit und verschiedene Formen der Energiearbeit auch Bestandteil ihrer Stunden.