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    „Mode ist eine feministische Angelegenheit“ – Kolumne von dariadaria

    "Billige Mode bedeutet Ausbeutung von Frauen" - dariadaria

    Aktivistin und Influencerin dariadaria setzt sich seit Jahren für faire Mode, Nachhaltigkeit sowie Emanzipation und Frauenpower ein. In ihrer Kolumne erklärt sie, wie sehr Mode und Feminismus wirklich zusammenhängen und weshalb wir alle dazu beitragen können, die Modeindustrie gerechter zu machen. 

    Oft wird mir die Frage gestellt: „Früher interessierten Sie sich für Mode, heute für Feminismus. Wie passt das zusammen?“ Und dann erkläre ich immer wieder, dass Mode eine feministische Angelegenheit ist. Erstens ist es ein Klischee, dass Feministinnen sich nicht für oberflächliche Dinge wie Mode interessieren. Darüber hinaus ist der Kontext ein weitaus tiefgreifender.

    Frauen sind nicht nur beim Kauf von Textilien, sondern auch bei der Herstellung die Mehrheit. In China sind 70% der TextilarbeiterInnen Frauen, in Bangladesch 85% und Kambodscha sogar 90% - Frauen dominieren die Bekleidungsindustrie. Viele dieser Frauen arbeiten für Unternehmen, die Umsätze in Milliardenhöhe machen und somit zu den profitabelsten weltweit gehören. Sie verdienen aber nur einen Bruchteil dessen, was ihnen zusteht.

    In Bangladesch, dem zweitgrößten Exporteur von Bekleidung, beträgt der Mindestlohn seit Dezember 2018 95 Euro monatlich, doch Gewerkschaften haben dennoch nichts zu feiern, denn ihre Forderung lag bei 190 Euro, doppelt so viel wie letztendlich beschlossen wurde. Der aktuelle Mindestlohn in diesem Land ist weit davon entfernt einer Frau eine gute Existenzgrundlage zu bieten, geschweige denn, Gesundheit, Sicherheit und Bildung Priorität zu verleihen. Zwischen 60 und 140 Überstunden pro Woche sind für Textilarbeiterinnen im globalen Süden nichts Besonderes und ganz normal.

    Unsere Nachfrage macht es möglich

    Im globalen Norden verkaufen dann große Textilketten T-Shirts mit der Aufschrift „Feminism“ oder „The Future Is Female“. Genäht wurden viele dieser Shirts von Frauen, die vom Feminismus, wie wir ihn leben, nicht profitieren. Mutterschutz, Gewerkschaftsrechte, faire Entlohnung - alles Rechte, die wir Frauen in Zentraleuropa für uns beanspruchen, den Näherinnen unserer Kleidung jedoch aberkennen. Wir erkennen sie in dem Moment ab, in dem wir das 5-Euro-Shirt kaufen.

    2013 stürzte eine Textilfabrik in Bangladesch ein. 80% der Menschen, die starben, waren Frauen und Kinder. 3000 Kinder verloren am 24. April 2013 mindestens einen Elternteil, für viele war es die Mutter. Es waren Mütter, Frauen, Töchter, Schwestern und Kolleginnen. Alles Frauen, die billige Kleidung für uns im globalen Norden herstellten. Frauen, meistens zwischen 18 und 20 Jahre alt, die für 22 Cent pro Stunde nähten. Weil sie die Armut dazu zwang, weil unsere Nachfrage es möglich macht.

    Das „Schnäppchen“, das wir gemacht haben, mag vielleicht ein monetärer Gewinn sein, ist aber humanitär ein immens großer Verlust. Würde sich so eine Tragödie bei uns abspielen, wären wir außer uns, würden auf die Straße gehen, demonstrieren, Petitionen unterschreiben, unser „Feminism“ T-Shirt ausführen, während wir dem Schmerz der Ungerechtigkeit Ausdruck verleihen.

    Billige Mode bedeutet Ausbeutung von Frauen

    Genau deshalb darf Feminismus nicht an den Grenzen Europas aufhören. Mode und Feminismus sind zwei miteinander verheiratete Themen: billige Mode bedeutet Ausbeutung von Frauen. Ziel ist nicht Gleichberechtigung für weiße Frauen aus der Mittelschicht im globalen Norden, sondern globales Empowerment von Frauen. Das Gegenargument: „Aber wenigstens schaffen wir Arbeitsplätze, indem wir billige Mode aus Bangladesch kaufen“ ist ungefähr so, als würde man behaupten, eine Frau, die unter häuslicher Gewalt leidet, hätte zumindest ein Dach überm Kopf.

    Es geht also in der Essenz um Folgendes: nur weil man einer Frau einen Arbeitsplatz schafft, hat man ihr nicht geholfen. Wenn sie für diesen Arbeitsplatz ihr Kind im Dorf bei den Eltern lassen muss, weil sowohl Arbeitsplatz als auch Überstunden keine mütterliche Obsorge erlauben, dann ist diese Frau keine glückliche Frau. Wenn sie für den Arbeitsplatz die Gefährdung ihrer Gesundheit in Kauf nehmen muss, haben wir ihr nicht geholfen. Wenn sie keinerlei Ersparnisse oder Puffer für die harten Jahre anlegen kann, haben wir ihr keine Zukunft ermöglicht.

    Genau deswegen haben Feminismus und Mode sehr viel miteinander zu tun. Und deshalb ist es so wichtig bei Unternehmen zu kaufen, deren Kerngeschäft nicht Hand in Hand mit der Ausbeutung von Frauen geht. Man sagt sehr schön „dein Kassenbon ist ein Stimmzettel“ und so verhält es sich auch hier: jedes 5-Euro-Shirt ist eine Stimme gegen substantielle Frauenrechte. Hingegen ist jeder Betrag, den wir bei einem Unternehmen hinterlassen, das Frauen unterstützt, ein Beitrag, den wir für Frauen, für unseren gemeinsamen Kampf einer gleichberechtigten und gerechteren Welt leisten können.

     


    Aktivistin dariadaria (Madeleine Alizadeh)

    ÜBER MADELEINE

    Die Österreicherin Madeleine Sophie Daria Alizadeh startete 2010 ihren Lifestyle-Blog „dariadaria“ und wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer der meist gelesenen Bloggerinnen im deutschsprachigen Raum. Seit 2013 widmet sie sich nachhaltiger und fairer Mode, spricht über Achtsamkeit, bewussteres Leben und unterrichtet Yoga.

    Die Wienerin hat über die Jahre einen Wandel weg vom Lifestyle hin zu gesellschaftskritischen Themen durchlaufen. Im Juli 2019 gab sie ihre symbolische Kandidatur für einen Listenplatz der Grünen für die Nationalratswahl in Österreich bekannt.

    In ihrem Podcast „a mindful mess“ spricht sie über Nachhaltigkeit und Feminismus. Madeleine schreibt eine Kolumne für „die Wienerin“ und tritt europaweit als Speakerin bei Innovations-Konferenzen wie den TED-Talks auf. Im Frühjahr 2018 war sie auch Gast im Europäischen Parlament, um an der Plenardebatte zum Verbot von Einwegplastik zum Schutz der Ozeane teilzunehmen. Um auf die humanitäre Lage von Flüchtlingen aufmerksam zu machen, reiste Alizadeh nach Jordanien und in den Irak.

    Auf ihrer Ghana Reise machte sie sich stark für den nachhaltigen Anbau von Palmöl, für den keine Regenwälder sterben müssen. In Indien besuchte sie Frauen, die in Madhya Pradesh Bio-Baumwolle pflücken und überzeugte sich persönlich davon, wie aus der biologisch angebauten Baumwollpflanze ein Kleidungsstück wird. In Patagonien machte sie sich vor Ort ein Bild darüber, was nachhaltige und faire Wolle überhaupt bedeutet. Ihr ist kein Weg zu weit. Madeleine Alizadeh übernimmt Verantwortung und nutzt ihre Popularität, um zu informieren, zu inspirieren und vor allem um etwas zu bewegen.